Ausstellung

–Eva Liedtjens

„Wir zeigen oder repräsentieren nicht, wir entfalten die Potenziale der Aktion des ‚Hinsehens‘“
(Pelin Tan zur Praxis von videoccupy)

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1. Mai 1977, Türkei, Istanbul, Taksim Platz.

Spulen wir zurück: Der Ton wiederholt sich, die Spieluhr stockt. Ein rotes Fahnenmeer, Plakate, stolze Bannerträger „Es lebe der 1. Mai“. Der Taksim Platz im Zentrum Istanbuls ist voller Menschen. Vor dem AKM (Atatürk Kültür Merkezi) hissen Arbeiter_innen und Student_innen ihre Fahnen. Schatten auf einem Dach; schwarz, weiß, flimmernd. Und plötzlich bricht die Menge auseinander. Menschen laufen. In Panik. Die Wasserwerfer rollen.

Und das Lied beginnt von vorne.

Artıkişler, Akıl Tutulması. Video, 2012.
Artıkişler, Akıl Tutulması. Video, 2012.
Artıkişler, Akıl Tutulması. Video, 2012.
Artıkişler, Akıl Tutulması. Video, 2012.

Die Videoarbeit „Haunted Reasons“ des Video Kollektivs artıkışler entstand 2012 im Gedenken an die Verstorbenen vom 1. Mai 1977. 34 Menschen verloren ihr Leben, als die Massenkundgebung zum 1. Mai, durch Schüsse gewaltsam beendet wurde. Das Kollektiv Artıkışler versucht im Bereich der zeitgenössischen visuellen Kultur und Kunst einen Raum für kollektive Produktion und Verbreitung zu eröffnen. In ihrer Praxis fokussieren sie auf Brennpunkte der neueren sozialen Geschichte der Türkei, wie Gentrifizierung, Zwangsmigration und Arbeit im städtischen Raum. Das Archivieren und Teilen von kollektiver sozialer Erinnerung in Kollaboration mit anderen Gruppen ist Bestandteil ihrer Methode.

Die Ästhetik des sozialen Widerstandes, der Arbeiter_innenbewegung und der sozialistischen Linken ist präsent auf Fahnen, Bannern und Plakaten. Schwindet der Widerstand, sorgen zurückgebliebene Plakate, Graffiti, Parolen oder Rhythmen dafür, dass das Erlebte präsent bleibt. Eingespeist in das kollektive Gedächtnis rufen diese kreativen Formen des Widerstands lebhafte Bilder hervor. Die ästhetischen Besonderheiten der Repräsentationen und Kommunikationsprozesse sozialer Bewegungen im öffentlichen Raum sind Anknüpfungspunkte in dem Versuch dieser Ausstellung ein assoziatives Archiv aufzubauen. Die Jahre 1977 und 2013 bilden hier eine zeitliche Klammer, jedoch begreift sich das Projekt nicht als chronologische Darstellung und Repräsentation von politischer Kunst aus dieser Zeit. Vielmehr stellt das Projekt Fragen, versteht sich als offen und und selbstkritisch. Die Auswahl der künstlerischen Arbeiten und kulturhistorischen Dokumente werfen vielmehr Schlaglichter auf verschiedene soziale Gruppierungen und ihren Widerstand. Das Projekt möchte eine Plattform für einen lebhaften und kreativen Austausch von Erinnerung und zur Reflexion bieten.

Der Fokus der Ausstellung liegt auf dem spannungsvollen, schöpferischen Zwischenraum von Kunst und Politik.

TÜSTAV. Poster-Scan, 2015.
TÜSTAV. Poster-Scan, 2015.

Eine Auswahl an Plakaten aus der Sammlung TÜSTAV (Türkiye Sosyal Tarih Araştırma Vakfı / Stiftung für Sozialgeschichte der Türkei) von der Arbeitergewerkschaft DISK zum 1. Mai aus den 1970er Jahren zeigt uns die Sprache der Selbst – Darstellung der Linken Bewegung der jüngeren Geschichte der Türkei. Der visuellen Sprache des sozialen Widerstandes und ihrer Protestformen wird im graphischem Material sowie in dokumentarischen Momentaufnahmen nachgespürt. Die kulturhistorischen Dokumente werden mit künstlerischen Reflexionen kontextualisiert.

Das unabhängige Kollektiv Nar Photos, gegründet 2003, ist ein Zusammenschluss von Fotograf_innen für die Dokumentar-Fotografie mehr als bloßes Abbilden sozialer Missstände1. Als Werkzeug die Welt zu „verstehen und auszudrücken“ konzipiert, wird die gemeinsame Arbeit an ihren Foto-Reportagen angetrieben von der Möglichkeit aktiver Veränderung. Die Dokumentation von Protesten und Versammlungen im öffentlichen Raum ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit.

Ihre Aufnahmen etwa der Demonstrationen zum 8. März 2015 (Weltfrauentag) und des Pride Day 2014 verdeutlichen die Vielfalt und Kreativität im Ausdruck sozialen Protestes auf der Straße. Das farbenfrohe Spektakel trügt jedoch nicht über die bittere Realität hinweg. Die Gleichberechtigung von Frauen und LGBTI in der Türkei ist immer noch umkämpft.

Blicken wir noch einmal zurück: Nach dem blutigen Mai 1977 und dem Militärputsch am 12. September 1980 beherrscht die Angst vor politischem Ausdruck den öffentlichen Raum. Da aus der Sicht des Militärs die Politisierung der Gesellschaft und ihrer Institutionen, wie den Gewerkschaften und Universitäten, Schuld an der vorausgegangenen politischen Krise trugen, wurden alle Maßnahmen darauf gerichtet die Gesellschaft zu entpolitisieren. Erden Kosova spricht von dem „großen Trauma“2 der 1980er Jahre, das die sich vorher entwickelnde sozialistisch orientierte Intelligenzia schockierte. Die Schwächung der sozialistischen Bewegung durch gewaltvolle Unterdrückung, Verhaftung und Vertreibung linker Intellektueller, führte ironischerweise gleichzeitig zu einem Aufkommen erster zeitgenössischer Frauenbewegungen.

Am 17. Mai 1987 protestierten 3000 Frauen unter dem Schlachtruf: „Boden unter den Füßen, nicht den Himmel“ in Istanbul gegen häusliche Gewalt. Das Wertesystem der Türkei, welches sprichwörtlich die Mutterschaft in den Himmel hebt3, sollte hier auf den Kopf gestellt werden.4 Auslöser für die Demonstration war ein Gerichtsurteil im Scheidungsprozess einer Mutter von drei Kindern, welche sich aufgrund der Gewalttätigkeit ihres Mannes scheiden lassen wollte. Der Richter verweigerte die Scheidung und rechtfertigte seine Entscheidung mit einem alten türkischen Sprichwort: „Kadının sırtını sopasız, karnını sıpasız bırakmamak gerek.“5 – „ Der Rücken einer Frau sollte nicht ohne Stock, der Bauch nicht ohne Kind bleiben.“ Der Massenprotest der Frauen war die erste erlaubte Großdemonstration nach dem Militärputsch 1980 und brachte das Thema der häuslichen Gewalt in die Öffentlichkeit.

Die Künstlerin CANAN, die mit zwei Werken in der Ausstellung vertreten ist, arbeitet in feministischer Tradition. Mit ihren Arbeiten blickt sie nicht nur kritisch auf das große gesellschaftliche System, in das das Subjekt verstrickt ist, sondern stellt gerade auch das Persönliche in den Fokus und blickt hinter die öffentliche Fassade auf die ganz privaten Abgründe. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten bilden persönliche Geschichten. Wie in ihrer Arbeit „Nazar Değdi Dünyama – It was worth the evil eye into my world“ , einer Plakataktion 2011 ursprünglich für den öffentlichen Raum konzipiert, setzt sie sich mit häuslicher Gewalt und Missbrauch auseinander und provoziert mit ihrer Offenlegung der Missstände die türkische Gesellschaft. Die Arbeit „Femina“ von 2014 kommentiert ihre feministische Position betont plakativ. Sie liest sich wie ein tragisch ironischer Kommentar über die immer noch bestehende Notwendigkeit für die Gleichberechtigung aufzubegehren. Stolz trägt die nackte Frau die Flagge des feministischen Widerstandes, im symbolischen Lila eingefärbt. Ein etwas anderes „Werbe“ – Plakat, ganz im Sinne von „the personal is political“.

CANAN, Nazar degdi dünyama. Poster, 2011.
CANAN, Nazar degdi dünyama. Poster, 2011.

Die Flagge sticht hier hervor als Symbol des Aufstandes, als ein Archetypus der Revolution. Man erinnere sich an Eugene Delacroix „Die Freiheit auf den Barrikaden – Die Freiheit führt das Volk“ von 1820 in dem die halb entblößte Marianne mit erhobener Fahne das französische Volk hinter sich über die Barrikaden aus Leichen führt. „Haydi Barikata“6 – Auf zu den Barrikaden. Der Widerstand der die Menge mobilisiert, euphorisiert, ideologisiert.

Die Arbeit von Şener Özmen „The Flag“ (2010) bildet einen ironischen Kontrapunkt. Drei Männer im Anzug stehen stramm, ein weiterer zieht eine nicht sichtbare Flagge hoch. Die Köpfe sind erhoben, die Halskrausen halten sie dort. Die Arbeit kommentiert skurril die Halsstarrigkeit jeglicher Ideologie.

Dieser ironisch, spielerische Umgang mit der so harten Realität des Widerstandes findet sich auch wieder in der Video Arbeit „Adult Games“ von Erkan Özgen aus dem Jahr 2004. Ein Dutzend maskierte Kinder stürmen einen Spielplatz. Einer der Gruppe späht zuerst ob die Luft rein ist, dann geht das Spiel los. Hinter der aberwitzigen Situationskomik, welche an die Katz-und Mausspiele von Aktivisten im Straßenkampf mit der Polizei erinnern, liegt die erstickende Realität eines Landstriches seit Jahrzehnten geprägt von Repression, ethnischen Konflikten und Bürgerkrieg. Der Künstler aus Diyarbakır verweist auf das Alltägliche des Widerstandes im kurdischen Südosten der Türkei, in der selbst Kinder die „Spiele der Erwachsenen“ spielen.

Erkan Özgen, Adult Games. Video, 2004.
Erkan Özgen, Adult Games. Video, 2004.

Dem lauten Protest auf der Straße gegenüber finden sich Formen des stillen, anklagenden Widerstandes. So wie der klagende Protest der Samstagsmütter (Cumartesi Anneleri), welche sich nach dem Vorbild der argentinischen Mütter von der „Plaza de Mayo“ jeden Samstag friedlich versammeln und Aufklärung über das Schicksal ihrer verschwundenen Angehörigen fordern. Insbesondere in den 1990er Jahren in den südöstlichen Provinzen wurden viele politisch kritisch-denkende Menschen „verschwunden“ – ein Repressionsinstrument, das nach dem Putsch 1980 eingeführt wurde. Ein umstrittenes Anti-Terrorismus-Gesetz begünstigte diese Taten: Verdächtige durften ohne Anklage für mehrere Tage ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten werden.7
Am 27. Mai 1995 protestierten die Angehörigen der Vermissten das erste Mal mit einem Sit-In beim Galatasaray Platz in Istanbul. Seit diesem Tag versammeln sich die Angehörigen dort jeden Samstag und erinnern mahnend mit Bildern oder Besitzgegenständen an ihre Vermissten. Eine Reihe von Dokumentarfotografien von Nar Photos erzählt eindrücklich von diesem Akt des Protestes.

Adnan Onur Acar / Nar Photos, Saturday Mothers‘ 500th gathering in Istanbul. Foto, 2014.
Adnan Onur Acar / Nar Photos, Saturday Mothers‘ 500th gathering in Istanbul. Foto, 2014.

Die Fotografie Installation „Fotoğraf“ von Cengiz Tekin greift diese Thematik in einer sehr persönlichen künstlerischen Arbeit auf. Drei Fotos aus verschiedenen Jahrzehnten aus der gleichen Familie erzählen eine Geschichte vom Vermissen und dem tragischen Eindringen des Staates in das Private. Die drei Bilder zeigen jeweils ein und denselben Mann: als Soldat, welcher sich mit einem Bild Atatürks fotografieren lässt, als Bild im Bild, im Kreise der Verwandten in Gedenken an den jungen Mann im Staatsdienst und wiederum als Bild im Bild: Einen Mann, den der Staat geholt und nicht wieder zurück gebracht hat.

Cihangir Duyar/Ekim Ruşen Kapçak, A Journey to A Dream. Verschiedene Installationsmedien, 2013.
Cihangir Duyar/Ekim Ruşen Kapçak, A Journey to A Dream. Verschiedene Installationsmedien, 2013.

Die beiden jungen Fotografen Cihangir Duyar und Ekim Ruşen Kapçak begeben sich in „Bir Rüyaya Yolculuk (A Journey to A Dream)“ 2013, auf eine ebenso persönlichen Reise. Das Fotografie-Projekt8 begann mit der Entdeckung eines Briefwechsels aus den 1980ern zwischen Ekim Ruşen Kapçak’s inhaftierten Vater und seiner Mutter. Das Projekt nimmt Ruşens Vater, den Journalisten Hatip Kapçak in den Blick, der 1992 ermordet und die Tat noch immer ungeklärt ist. Es sucht nach Wahrheiten in den Briefen, Menschen, Orten und Fotografien, die geblieben sind. Die Suche nach dem verlorenen Vater, das Versuchen zu Verstehen, im Gefängnis und im Draußen, lassen Einblick gewähren in die jüngere Geschichte einer Region, geschrieben mit Schmerz und Widerstand.

Barış Doğrusöz, ‚Heure de Paris‘:  Index 1 - Separation. Video, 2012.
Barış Doğrusöz, ‚Heure de Paris‘: Index 1 – Separation. Video, 2012.

Die Videoarbeit „Seperation“ aus der Reihe „Heure de Paris“ von Barış Doğrusöz ist ebenfalls eine Recherche über das Zusammenlaufen von persönlicher Erinnerung und kollektiver Geschichte. Der Künstler, aufgewachsen in Frankreich verhandelt in seiner Arbeit sein persönliches Exil und nähert sich der jüngeren Geschichte der Türkei mittels Found Footage und Archivmaterial französischer Fernsehsender an. Die Reise beginnt 1978, dem Geburtsjahr des Künstlers. Das Roadmovie bildet den Versuch eine Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden und stolpert dabei über Bilder von Repression und Widerstand.

Hüseyin Karabey, Hiç bir karanlık unutturmaz.  Video, 2011.
Hüseyin Karabey, Hiç bir karanlık unutturmaz.
Video, 2011.

Der 19. Januar 2007 ist ein schwarzer Tag in der jüngeren Geschichte der Türkei. Der armenische Journalist Hrant Dink, der sich in seiner Arbeit und seinen persönlichem Engagement für die Zivilgesellschaft, Demokratie und Menschenrechte, sowie einer Annäherung der Türkei und Armenien einsetzte, wird auf offener Straße erschossen. Jedes Jahr am 19. Januar versammeln sich Tausende vor dem Gebäude der Zeitschrift Agos in Istanbul, um ihm zu gedenken und für das Recht auf freie Meinungsäußerung einzustehen. Die Farbe des Widerstandes ist schwarz.

Der Filmemacher Hüseyin Karabey erinnert mit seiner Videoarbeit „Hiç bir karanlık unutturmaz“ (Keine Dunkelheit lässt je vergessen) aus dem Jahr 2011 an den ermordeten Hrant Dink. Auf der Beerdigung sprach die Ehefrau des Ermordeten zu der aufgebrachten Menschenmenge. Der Animationsfilm bringt diese, für die Geschichte der Türkei so bedeutende Rede, zurück in das kollektive Gedächtnis. Die schwarz-weiß animierten Bilder begleiten die eindringliche Stimme von Rakel Dink, die uns einen bewegenden Abschiedsbrief an ihren Mann vorliest.

Im Jahr 2015 jährt sich der Gedenktag der Vertreibung und des Völkermordes an den Armeniern zum 100. mal. Im DEPO, einem Kulturzentrum in Istanbul, fand zu diesem Anlass die Ausstellung „Nereye Gideceğimizi Bilmeden… / Without knowing where we are headed… „ unter Beteiligung der Künstlerin Nalan Yırtmaç statt. Am 24. April 1915 wurden zahlreiche Führer der armenischen Opposition, Journalisten und Schriftsteller in Istanbul verhaftet, verschleppt und getötet. Nalan Yırtmaç zeigt eine Auswahl ihrer Porträts ermordeter armenischer Intellektueller in Berlin. Die Porträts, welche den „vertriebenen Armeniern“ ein Gesicht verleihen, zeigt Nalan Yırtmaç in ihrer eigenen Bildsprache mit Bezug auf überlieferte Fotografien.9

Berat Işık, Oasis. Video, 2014.
Berat Işık, Oasis. Video, 2014.

Die Künstlerin und Aktivistin aus dem Umfeld der subkulturellen Bewegung des Post – Punk arbeitet mit einfachen Materialien und Techniken der Street Art. In ihrer künstlerischen Arbeit formuliert sie ironisch Kritik an Phänomenen des urbanen Alltags und rückt die Verlierer des rasanten Städtewachstums in den Vordergrund.

Der Video Künstler Berat Işık greift in seiner dokumentarischen Videoarbeit „Oasis“ (20 min, 2014) die Probleme der Stadtentwicklungsprojekte und Gentrifizierung in der Türkei auf. In der Geschichte des alten Mannes aus dem Südosten der Türkei und seinem Garten spiegelt sich die tragische Verflechtung von Vertreibung, Repression und kapitalistischen Strukturen.

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Die gewaltsame Räumung eines besetzten Parks im Zentrum Istanbuls war Auslöser eines der größten Widerstandsbewegungen in der Türkei. Der Gezi-Park war und ist als temporäre autonome Zone ein Symbol für Solidarität und kreativen Widerstand. Im Camp entstanden in kürzester Zeit in kollektiver Arbeit temporäre Strukturen um ein Funktionieren der Gemeinschaft zu gewährleisten; eine Gemeinschafts-Küche, ein offenes Krankenhaus, eine temporäre Moschee, eine Bibliothek und vieles mehr. Das Kollektiv architecture for all (Herkes için Mimarlık) hielt diese spontanen Architekturformen in Zeichnungen fest. In der performativen Architektur, die keinen Architekten benötigt, findet sich der Ausdruck kreativen räumlichen Widerstands. Die Initiative #occupygezi architecture des Kollektivs fordert eine Neudefinition von Architektur. Eine weitere architektonische Struktur des Widerstandes ist die Barrikade. Die Fotoarbeit des Fine Arts Photography Department der Mimar Sinan Universität zeigt diese großformatig und symbolträchtig. Die Barrikade als ein gemeinsam geschaffenes Bollwerk, welches den umkämpften Freiraum schützt.

Nach der Räumung des Parks verlagerte sich der soziale Widerstand in Foren, die regelmäßig in verschiedenen Parks anderer Stadtviertel stattfanden. Die Diskussion und das gemeinsame Entwickeln von Ideen für eine mögliche neue Gesellschaftsstruktur rückten in den Mittelpunkt. Solidarität und Kollektivität, insbesondere auch beim Zugang zu und Teilen von Wissen ist ein wichtiger Faktor der Bewegung. Im Sinne dieser Praxis, in der Wissensproduktion zum Aktivismus wird, ist ein Teil der Ausstellung als Archiv- und Arbeitsraum konzipiert. Eine digitale, künstlerische Archivarbeit von Sencer Vardarman zu ästhetischen Kodierungen der Gezi-Bewegung im Netz, ein aktivistisches Videoarchiv der Initiative bak.ma und eine Internetplattform, welche die Rhizom-artigen Strukturen politischer und ökonomischer Akteure in der Türkei zeigt (Mülksüzleştirme Ağları10 / Network of Disposessesion) lädt den Besucher_innen zur Recherche ein.

Das Online-Archiv über die Bewegung Devrimci Yol11 (Der revolutionärer Weg), ein Projekt von Akademiker_innen des Research Institute Turkey (RIT)12 und damaligen Aktivist_innen, gewährt einen Einblick in die aktivistische Arbeit dieser linken Gruppierung in der Türkei. Devrimci Yol, gegründet 1977, wurde als linkradikale Gruppierung in der Türkei verboten und verfolgt. Die Poster, Informationsblätter und „Depeschen“ spiegeln das politische Bewusstsein der Linken dieser Zeit wieder. Sie verdeutlichen zu dem, wie der Widerstand in der Türkei auch in Deutschland seinen Platz gefunden hat. Die Archivarbeit versteht sich als offenes Projekt, welches die Vernetzung und das lebendig Halten von Erinnerungen im Austausch sucht.

Das Prozesshafte des Projektes wird auch in dem Beitrag des Künstler Murat Akagündüz deutlich. Der Mitbegründer der Künstlergruppe Hafriyat zeigt eine großformatige Malerei auf Leinwand. Eine Arbeit die während seines Aufenthaltes in Berlin entsteht. Die Karikaturen von Cem Dinlenmiş begleiten durch die Ausstellung. Die ironisch bissigen Kommentare über das Zeitgeschehen sind bedeutende Dokumente der jüngeren Geschichte der Türkei und eine Metapher für freie Meinungsäußerung.

Das hier beschriebene Ausstellungs-Projekt begreift sich als künstlerisch – wissenschaftlicher Rechercheprozess mit aktivistischem Ansatz. Statt eines linearen Geschichtsverständnisses und dessen Repräsentation, werden die seit den 1970ern bis in unsere heutige Zeit entstandenen Brüche, Ereignisse, Verflechtungen, unerwartete Neuerungen, sowie die sich hieraus manifestierenden künstlerischen und politisch-ästhetischen Kodierungen in den Vordergrund gerückt und zur Diskussion gestellt. Die Herangehensweise der Arbeitsgruppe als Kollektiv versteht sich, in Anlehnung an neuere Praxen der Wissensproduktion als Archiv im Aufbau und als Methode. Das Projekt ist partizipativ und im Prozess angelegt, es lebt von den Beiträgen und diversen Meinungen der teilnehmenden Kollektive, Künstler_innen, Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und der Öffentlichkeit. Die Besucher_innen sind eingeladen aktiv mitzugestalten. Es ist ein Versuch über die bloße Reproduktion und Repräsentation von politischen Bewegungen hinauszugehen und selbst politisch zu sein.

Eine Videoarbeit soll hier als letztes Erwähnung finden: Die Arbeit von Demet Taşpınar aus dem Jahr 2008 stellt eine Frage, die wohl so viele bewegt und einen Ausblick ins Ungewisse wagt: „Wohin?“ – Ein kleiner Pinguin tappt verloren, orientierungslos und Sinn suchend in der leeren Eiswüste…13

und dies ist erst der Anfang…

Alle in diesem Artikel enthaltenen Abbildungen wurden der Autorin von den beschriebenen Künstler_innen zur Verfügung gestellt.


1. http://www.narphotos.net (17.06.2015).

2. Kortun, Vasif; Kosova, Erden: Szene Türkei: Abseits, aber Tor! Jahresring 51. Köln. 2004. S. 91.

3. „Cennet annelerin ayakları altındadır“ / „Der Himmel ist unter den Füßen der Mütter“: Türkisches Sprichwort, welches sich auf die „heilige“ Mutterrolle bezieht. Im feministischen Diskurs wurde das Sprichwort aufgegriffen, um die Reduzierung der Frau auf die Rolle der Mutter zu kritisieren.

4. Beral Madra versammelte unter diesem Titel im Rahmen der Ausstellung „Istanbul Next Wave“ Berlin 2009 eine Anzahl türkischer Künstlerinnen. Siehe: Madra, Beral: Boden unter meinen Füßen, nicht den Himmel. Eine Erkundigung über einige der langen und abenteuerlichen Wege, die türkische Künstlerinnen im 20. Jahrhundert gegangen sind. In: Ausst.-Kat.: Istanbul next wave. Zeitgenössische Kunst aus Istanbul ; Gleichzeitigkeit – Parallelen – Gegensätze. Hrsg. v. Akademie der Künste Berlin, 1. Aufl. Göttingen: Steidl [u. a.], 2009, S. 92–102.

5. Zitiert nach Yeşilyurt Gündüz 2004, S. 120, Yeşilyurt Gündüz, Zuhal: The Women´s Movement in Turkey: From Tanzimat towards European Union Membership. In: Perceptions, Autumn 2004, S. 115-134. Online verfügbar unter: http://www.sam.gov.tr/volu­me9c.php (letzter Zugriff: 16.03.2011).

6. Songtitel der Band Bandista.

7. http://www.amnesty.de/umleitung/1996/deu05/045 (17.06.2015).

8. Die Arbeit ist im Rahmen des BAK Projektes von Anadolu Kültür / DSM entstanden. http://anadolukultur.org/en/areas-of-work/projects/bak-revea­ling-the-city-through-memory-2013/78 (17.06.2015).

9. http://www.depoistanbul.net/en/activites_detail.asp?ac=125 (17.06.2015).

10. http://www.mulksuzlestirme.org (17.06.2015).

11. http://www.devrimciyolarsivi.org (17.06.2015).

12. http://www.riturkey.org/tr (17.06.2015). Das Research In­stitute Turkey ist eine Forschungs-Kooperatif junger Akademiker, Künstler und Aktivisten mit Sitz in New York, gegründet im Anschluss an die Gezi-Proteste 2013.

13. Der Pinguin, wenn auch seiner Zeit voraus, verweist im Kontext dieser Ausstellung zudem ironisch auf eine der Bild-Ikonen der Gezi-Protestbewegung. Zu Beginn der Proteste zeigte das Staatliche Fernsehen an Stelle einer Live- Übertragung eine Dokumentation über das Leben der Pinguine. Der Pinguin wurde somit zu einem sarkastischen Symbol von Zensur.